Waldlauf (Müllplatz-Essay)

So, das reicht. Laufen, Bergsprints, Krafttraining. Boa, ich bin fertig!

Fürs Sprinttraining steige ich oft in die verlassene Mülldeponie ein [Luftbild hier]. Die Oberfläche des Geländes ist mit frischem Teerbelag versiegelt, was an einer stark geneigten Seitenflanke eine blitzsaubere Bergstrecke zum Sprinten ergibt, mit super Grip unter den Sohlen! Da hat man den Bewegungsablauf absolut unter Kontrolle, selbst bei leichtem Regen keinerlei Wegrutschen, und in jeden Schritt kann man aus Bein, Rumpf, Armen, Händen, Fingern den vollen Kraftimpuls geben.

Die ebene Hauptfläche, oben, ist zusätzlich mit hellem Kalkschotter abgedeckt, ohne jeden Bewuchs - nur in weitem Abstand ragen eingelassene Rohrstutzen heraus - und reicht bis weit nach hinten an den Wald, wo das Gelände dann wieder steil zum Tal abfällt, überwuchert mit wilden Büschen und Brombeeren, strukturiert von Entwässerungsrinnen aus Beton und vereinzelten Meßstationen. Manchmal im Herbst ist die Hochfläche mit Nebel bedeckt und man sieht, in der Mitte angekommen, ringsum einfach nichts mehr. Zeitloses orientierungsloses trapp trapp trapp im Irgendwo.

Oben beim stets verschlossenen Haupttor wird das Zersetzungsgas der chemisch noch aktiven Deponie in einem kleinen Brennerhaus abgefackelt. Die Flamme ist hinter einem glühenden Gitter nur zu erahnen, daneben ein Kasten mit bunten Kontrollleuchten; das summende Rauschen des Feuers ist bei Nacht schon von weitem hörbar, und die Abdeckkappe des ca. 3 Meter hohen Schornsteins glüht dann rotorange. In der Nähe, zum Zaun hin, zwei große runde Auffangcontainer für Sickerwasser mit beinahe blumenhaft geschwungenen Dächern. In der Abenddämmerung eine schrille Mischung von Science-Fiction-Setting und Alchimistenofen.

Ich liebe solche verbotenen, 'ausgesetzten', halb unwirtlichen Gelände, schon seit Kind. Mit ca. 10 -14 Jahren, als die Deponie noch in Betrieb war (damals noch ein steiler Taleinschnitt, der dann nach und nach zum heutigen Niveau aufgefüllt wurde), war das ein wilder verbotener Genuss: allein oder mit einem Freund hinfahren, Räder verstecken, sich dreimal umschauen, über den hohen scheppernden Stacheldrahtzaun einsteigen, und dann auf dem damals noch sehr chaotischen Schuttgelände (Mülltrennung wurde erst später erfunden) herumstromern und fantastische Sachen finden ... einen alten schwarzmetallenen Drehständer für Stempel habe ich heute noch :-)

Ähnliche wild-verbotene, grenzgängerische Glücksgefühle hatte ich dann wieder in Berlin, kurz nach der Maueröffnung, als es im Umland, jenseits des Mauerstreifens, weite verlassene Industriebrachen gab. Menschenleer ... ausgeschlagene Fenster ... dunkle Kellerrampen ... halb eingestürzte Bürobaracken und Werkstätten, noch mit Einrichtung ... diese verrückten Atmosphären einatmen ... alte Schilder mit Arbeitsvorschriften über tropfenden Wasserhähnen, in einem Wandkasten noch beschriftete Schlüsselanhänger ... sonnengebleichtes duftendes Bretterholz ... die Hosentaschen voll faszinierender objets trouvés ...

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Abgelegt unter 'Grenzstreifen'. Mal sehen, was sich zu dieser Metapher sonst noch findet ...

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