5
Dez
2007

Tagebuch vs. Blog (II)

Bei Frau Wortwahl gibt's ja einen beinahe schon akademisch fetten Diskussionsstrang zum Thema. Ich kopiere mir mal einen meiner Kommentare hierher; als Reminder, um vielleicht irgendwann weiter daran herumzudenken.

Anregung: Kommentare hierzu bitte (auch) bei Frau Wortwahl.

-

Eine interessante Frage: 'warum legen leute öffentliche tagebücher an, wenn sie doch im stile eines tagebuchs die privatesten dinge erzählen?' [a.a.O.] Mir fallen spontan drei Antworten bzw. Aspekte ein:

(1) Es ist die Technik der Blog-Software, die mir ohne eigene Layout- oder Programmierungsmühen eine schöne klare Seitenstruktur auf den Bildschirm zaubert; die Inhalte werden automatisch nach Datum sortiert (und sind über das Kalender-Modul gezielt ansteuerbar); es gibt die (für Kartei- und Ordnungsfreaks wie mich) berauschende [!] Möglichkeit, Rubriken anzulegen, umzubenennen etc.
Gerade für Leute mit Internet-Affinität, oder Leute, die beruflich viel im Netz sind, ist das einfach eine sehr naheliegende, ja verlockende Art von E-Notizbuch. Das will man vielleicht auch einfach mal (als technische Möglichkeit, Tagebuchinhalte zu schreiben) ausprobieren. Spieltrieb, neue Fischertechnik-Packung sozusagen ...

(2) Durch das Online-Stellen gewinnen die Inhalte einen höheren Grad an (mir fehlt der passende Begriff) 'schwarz auf weiß', an 'Fixiertheit', evtl. sogar 'Werkhaftigkeit'. Das ist ein ähnlicher gefühlter Unterschied, wie wenn ich Handschriftliches früher auf Schreibmaschine übertrug. [Vielleicht versteht jemand, in welche Richtung ich hier denke und kann es besser formulieren]

(3) Vielleicht ist es so, dass man auch bei privatesten Gedanken doch eigentlich den Wunsch hat, sie mit einem Gegenüber zu teilen [in Philosophiesprech: Der Mensch ist auf ein Gegenüber hin angelegt]. Im Idealfall mit dem Liebespartner. Mit Freunden. Auch das klassische Tagebuchschreiben auf Papier - schreiben wir da nicht oft mit Gedanken an einen anderen Menschen, mit dem mitschwingenden Wunsch, die bestimmte Person X (oder eben ein verstehender, seelenverwandter IRGENDWER) möge das jetzt doch erfahren, teilen, sehen? Uns selbst in diesem intimen Text sehen? (Der Wunsch der Seele, gesehen zu werden).

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http://booksandmore.twoday.net/stories/4508045/modTrackback

wort-wahl - 5. Dez, 11:18

um das an dieser stelle auch noch einmal zu papier - äh... online zu bringen:

punkt 1 als technische sicht der dinge erklärt nur leider immer noch nicht, warum man dann privates online stellt - selbst wenn der autor anonym bloggt, muss er sich doch bewusst darüber sein, dass eine breite masse seine gedanken mitverfolgen kann. außer er macht das alles mit einer gewissen absicht. selbstdarstellung, identitätssuche und selbstverortung spielen dabei vielleicht eine rolle.

punkt 2 könnte ein ansatz sein in bezug auf die 'werkhaftigkeit'. eventuell könnte das mit dem wunsch zusammenhängen, in gewisser weise bedeutend zu sein und ernst genommen zu werden.

punkt 3 ist eine fabelhaft sichtweise, die ich auch vertrete. mitteilungsbedürfnis, gedanken teilen, nicht allein sein. was aber nicht erklärt, warum im bereich der persönlichen blogs ein so großer boom zu verzeichnen ist. oder sind wir am ende alle einsam? haben sich traditionelle beziehungen aufgelöst und suchen wir jetzt nach neuen wegen der gesellschaftlichkeit?

books and more - 5. Dez, 11:45

Frau Wahl, das ist ja überaus aufmerksam und wertschätzend von Ihnen, Ihren Kommentar auch hier zu veröffentlichen, aber es war doch eigentlich IHR Diskussionsstrang gewesen, daher ist es völlig in Ordnung, wenn die Diskussionsrunde denn auch in Ihrem Wohnzimmer stattfindet.

Ich habe auch gar keine Erdnüsse im Haus, und hinterher muss man immer saugen und aufräumen!
books and more - 6. Dez, 00:57

Mein Kommentar zu Frau Wahls Anmerkungen:

(zu 1) Ich hatte es so gemeint: Da will eine(r) Privates schreiben und findet dann eine Software, die ihm dafür ein schönes Layout plus Zusatzfunktionen bietet. Dass das dann online und öffentlich geschieht ist eher zufälliger Zusatz, Nebeneffekt. In einem meiner vergangenen Blog-Projekte war das tatsächlich so.
Die anderen Aspekte (latenter Mitteilungsdrang und dergl.) spielten da zwar auch mit, aber zentrale Motivation zur Verwendung der Blog-Software war tatsächlich das unter (1) Genannte.

Ich habe im Netz damals sogar nach blogähnlicher Software zum Download und Offline-Gebrauch recherchiert, wurde so schnell aber nicht fündig und bin dann bei (damals auch) twoday geblieben. Mit ausgeschalteten Kommentaren, wenn ich mich recht erinnere.

(zu 2) 'Werkhaftigkeit' auch in einem ganz privaten Sinn. Als 'ich gebe dem eine schöne ('abschließende') Form'. So wie einer seine Zeichnungen in Passepartouts in einer schönen Mappe archiviert. Oder Fotos 'schön' archiviert bzw. präsentiert. Das fühlt sich dann anders an, hat auch etwas von Wertschätzung und Wert-Zumessung.
Oder wie man Bilder rahmt. Das schöne und strukturierte Layout des Blogs hat etwas von 'schönem Rahmen'; der Textinhalt wäre das Bild, das Layout (in einem weiteren Sinne; inklusive Zusatzfunktionen wie Rubriken) wäre der Rahmen.

(zu 3) Vielleicht gibt das Web auch erstmals die technische Gelegenheit, Privates so (halb)öffentlich zu stellen? Ist die Tatsache, dass Sie und ich ein Blog betreiben, Ausdruck des Umstandes, dass unsere Generation einsamer ist als frühere, oder ist das Bloggen nicht viel eher ein neues Medium, um MEHR Gemeinschaft in neuen Beziehungsformen zu haben? Hätten z.B. wir uns ohne Bloggen je 'getroffen'?
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