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Anousch O. - 23. Mai, 22:04

Lieber Albert, bei Punkt 18 erwischen Sie mich sozusagen bei meinem Lieblingsthema - falls ich Sie recht verstehe! Und falls dem so ist, dann weiß ich g e na u wovon Sie sprechen.

Also, ich bin mit Cipralex sehr zufrieden. Ich nehme sie seit Februar und es ging mir augenblicklich besser damit (was für den Placebo-Effekt spricht). Unter 'Lyrica' hingegen wurde ich ein halluzinierender herzloser Zombie, deshalb habe ich die auch bereits im November ausgeschlichen. Da haben echt ein paar Nuancen gefehlt.

Unter Cipralex indes habe ich 0,0 Nebenwirkungen. Und sie sind dennoch keine Wunderpillen. Denn ich spüre noch sehr genau, was mein psycho/somatisches Problem ist, das finde ich wichtig, um weiter daran therapeutisch zu arbeiten. (Habe leider momentan keinen Therapeuten, weil ich zu faul bin, einen passenden zu suchen.)

Der wichtigste Haupteffekt besteht darin, dass ich seither wieder ohne Panikattaken meine Freunde treffen kann, mich auf Verabredungen freue und insgesamt wieder fröhlicher bin. Aber es gibt auch Situationen, da scheint es kein Mittel gegen zu geben. Zum Bsp. wenn ich mich unwohl fühle, fange ich automatisch an leicht zu hyperventilieren. Deshalb habe ich auch das entsetzliche Praktikum nach 4 Monaten gekündigt (eine eigene Story für sich.) Das Schönste an Cipralex ist, dass ich mich wieder wie früher zu guten Zeiten fühle. Diese Fremdheit dem Leben gegenüber ist verschwunden. Das ist doch schon mal was.

Mit kollegialem Gruß,

Ihre A.

steppenhund - 23. Mai, 22:21

Zuvor einmal: ich will niemandem nahetreten oder sie oder ihn beleidigen. Was mir auffällt, ist eine Häufung von Panikattacken bei Personen, deren Schreiben von Feinfühligkeit und Nachdenklichkeit geprägt ist. Da ich diese Blogs eher lese als die Chat-Ersatzblogs, stelle ich fest, dass ich auf twoday mehr Referenzen auf Panikattacken erlebe, als mein ganzes Leben zuvor. Ja, es gibt auch ein Leben vor dem Bloggen.
Jetzt frage ich mich, ob Panikattacken eine spezielles Symptom einer allgemeinen Depression sind, oder ob sich hier unmerklich ein Krankheitsbild abzeichnet, welches sich quasi in unsere Gesellschaft einschleicht. Dafür könnte es ja die unterschiedlichsten Gründe geben. Ist es eine Folge des Zeitgeistes, einer Beschleunigung, der wir nicht mehr gewachsen sind? Wenn die Symptome auf medikamentösem Weg zu bekämpfen sind, scheint es sich ja tatsächlich um eine organische Erkrankung zu handeln, selbst wenn man früher Depressionen einfach als "selber schuld" beiseite geschoben hat.
Für mich gibt es das Wort Panikattacke erst seit drei Jahren. Vorher habe ich darüber nur einmal gehört. Das war im Zusammenhang mit einer Frau, deren Freund sich das Leben genommen hatte.
Ich muss dazu vielleicht hinzufügen, dass ich noch rechtzeitig einem Burnout-Syndrom entkommen bin, bei dem eine leichte Depression diagnostiziert wurde. Herzrasen, Schweißausbrüche und vor allem Schwindel habe ich durchaus erlebt, aber ich hatte nie das Gefühl von Angst bzw. Panik. Ich kann mir ausmalen, wie es sich anfühlen muss, wenn die gedankliche Belastung der Angst dazu kommt.
Aber das ist nicht meine Frage. Ich habe nirgendwo einen Hinweis gefunden, dass Panikattacken heute häufiger auftreten als früher, wenn man einmal von allgemeinen Depressionsstatistiken absieht.
books and more - 23. Mai, 22:51

@Anousch

Da haben Sie mich schon goldrichtig verstanden. 'Herzloser Zombie' bringt übrigens einen Aspekt auf den (freilich aufs Äußerste zugespitzten) Punkt, den ich heute schon in einem 1:20-stündigen Telefonat mit einer, öh ... involvierten Person diskutiert habe. Vielleicht sollte ich auch mal wechseln (wobei es bei mir um andere Drogen gegen andere Macken geht).

PS: Warum wohnen Sie soweit weg, verflixt!

Herzlich
Albert
books and more - 23. Mai, 22:57

@Steppenhund

Ob es sich bei (evtl. zunehmenden) psychischen Störungen um Phänomene handelt, die durch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen mit beeinflusst sind, vermag ich nicht zu beurteilen.
Ich bin geneigt, den Blick eher auf die Einzelbiographien zu lenken - und überhaupt auf die Einzel'störung', denn Etiketten wie 'Panikattacke' oder 'Depression' sind ja im hohen Maße generalisierend, und was der/die Einzelne erlebt, in hohem Grade individuell.

PS: Falls in Ihrem Kommentar eine Frage an mich steckte, dann habe ich sie wohl nicht richtig verstanden. Gab es eine? Ich bemühe mich gern um eine Antwort :-)
Anousch O. - 23. Mai, 23:43

@Steppenhund

Ich sehe den gesellschaftlichen Aspekt etwas skeptisch. Denn meiner Erfahrung nach muss es eine genetische (bzw. verhaltenspsychologisch anerlernte) Komponente geben. In meiner Familie sind fast alle in der weiblichen Linie betroffen: Meine Urgroßmutter litt unter unerklärlichen Symptomen, meine Großmutter, mein Onkel, meine Mutter, eine meiner Schwestern und ich sowieso. Der Unterschied: Heute hat das Ganze einen Namen: Panikattake bzw. generalisierte Angststörung bzw. Vulnerabilität.

Wenn ich mir vorstelle, wie diese Menschen alle gelitten haben damals und keiner konnte was damit anfangen! Selbst ich bin ja Jahre lang von einem Arzt zum nächsten gerannt, bis ich mir selbst die Diagnose gestellt habe und freiwillig in die Psychiatrie gegangen bin. Für die Ärzte dort war alles klar. (Naja, das heißt, eigentlich auch wieder nicht. Für sie war nur klar, dass es psyschisch bedingt ist. Aber dann streiten sich Tiefenpsychologen wieder mit den Verhaltenstherapeuten über Ursachen und Behandlung...)
Die meisten Internisten und Hausärzte, selbst Notärzte wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß, sind ratlos wenn ein ansonsten kerngesunder Mensch massive Atemnot, Herzrasen, Schwindel etc hat.

Ich glaube, der Eindruck der Zunahme diese Krankheiten beruht hauptsächlich auf der medialen Verbreitung und eben auf der Tatsache, dass Panikattaken übrigens erst seit einigen Jahren von der Weltgesundheitsorganisation definiert und als Krankheit anerkannt sind.

Ps: Das Gute: Die Störung scheint wirklich irgendwann aufzuhören. Jedenfalls war das bei meinen Verwandten so. Auch ohne Psychopharmaka, aber mit geht es schneller und das wiederum ist ja heutzutage wichtiger denn je...oder auch nicht. Es war zu allen Zeiten wichtig, gesund zu sein!
steppenhund - 23. Mai, 23:49

@b&m

meine Frage wurde durch Anousch O. im letzten Absatz beantwortet.
Das wird es wohl sein.
Anousch O. - 24. Mai, 11:51

@b&m (Nachtrag)

(Ich verstehe Sie und sie.)

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